| Pressemeldung | Nr. 057
Predigt von Bischof Bätzing an Gründonnerstag
Ober sticht Unter: Eigentlich stammt diese Regel aus dem Kartenspiel, doch darin bilden sich die Gesetzmäßigkeiten vieler Lebensbereiche ab. Übertrumpfen und unterbuttern, übervorteilen und unterbieten, überragen und unterliegen; es ist der stete Wettkampf, der Gewinner und Verlierer hervorbringt, der Polarisierung und Spaltung begünstigt. Gerade beobachten wir mit einigem Erstaunen, wie die rüden Geschäftsmethoden der Dealmaker aus dem wirtschaftlichen Bereich unverhohlen Einzug halten ins Politische, dorthin also, wo es eigentlich darum geht, Freiheit und Verantwortung in eine kluge Balance zu bringen, einen gesunden Ausgleich zu organisieren zwischen Stärkeren und Schwächeren, damit alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben können – unabhängig von ihren wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten. Mag sein, dass der Eigennutz zu einem guten Teil Triebfeder wirtschaftlicher Erfolge ist, doch für ein gutes gesellschaftliches Klima und ein gelingendes internationales Miteinander trifft gerade nicht zu, dass an alle gedacht ist, wenn nur jeder an sich selbst denkt. Wer solches propagiert und politisch postuliert, der treibt ein gefährliches Spiel mit der Zukunft in Freiheit und Frieden. Denn wenn das „Wir“ auf der Strecke bleibt, geht die Zukunft unter.
Bei seiner Abschiedspredigt im Januar 2025 hat der Wiener Kardinal Christoph Schönborn (*1945) daran erinnert, dass Mitgefühl eine Gesellschaft erst menschlich mache, Unbarmherzigkeit dagegen vergifte. Und er äußerte den sehnlichen Wunsch, trotz mancher Konflikte in Kirche und Gesellschaft möge das gegenseitige Wohlwollen nicht verloren gehen. Ich fand es eindrucksvoll, dass der beliebte und stets um Vermittlung bemühte Kirchenmann gerade dies als Wunsch und Erbe betonte. Bereits vor mehr als 45 Jahren hat sich der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ mit den Grenzen unserer liberalen Freiheitsidee auseinandergesetzt und formulierte die Einsicht, wenn Freiheit toxisch werde, sei Solidarität die Antwort. Denn wie jeder Mensch unendlich mehr sei als die bloße Ansammlung seiner Zellen, so sei die menschliche Gesellschaft weit mehr als die Summe ihrer egoistischen Individuen. Der Zwischenraum des Mitfühlens, der gelebten Solidarität und gegenseitigen Verantwortung sichere der Freiheit ihren Lebensraum.
Mitten in der Corona-Krise erschien 2021 Juli Zehs Roman „Über Menschen“. Bevor ich ihn kürzlich gelesen habe, nahm ich ihn schon einige Male in der Buchhandlung in die Hand und legte ihn wieder zurück. Ich zweifelte, ob ich ihn lesen wollte. Er erzählt von einer jungen Frau, Dora, die auf der Suche nach Freiheit und Raum zum Atmen in einem brandenburgischen Dorf landet, wo sie ein Haus erwirbt – irgendwo im Nirgendwo. Hinter einer hohen Gartenmauer lebt ein Nachbar mit kahlgeschorenem Kopf und rechten Sprüchen, der sich selbst als „Dorfnazi“ tituliert und eine unrühmliche Gewaltgeschichte aufzuweisen hat. Er zimmert ihr unaufgefordert ein Bett, stellt Stühle in den Garten, wird von seiner zwölfjährigen Tochter nach der Trennung von seiner Frau innig geliebt. Dass er todkrank ist, will er nicht wahrhaben. Der Roman ist keine leichte Kost. Dora kämpft mit ihren Urteilen und Ängsten, mit ihrer Befangenheit. Das Böse wird nicht verschwiegen. Doch je mehr sie den Unwillen überwindet, mit Menschen in Berührung zu kommen, die offensichtlich in kein Raster passen, je mehr sie Mitgefühl zulässt, umso mehr zeigt sich: Wer unter den Leuten lebt, kann sich nicht mehr leicht über Menschen erheben. Es ist die zentrale Aussage dieses mit Witz und einer guten Portion Hoffnung geschriebenen Romans. Mich hat er auch mit meiner eigenen Überforderung angesichts einer Gesellschaft aus Blasen, die kaum mehr miteinander in Berührung kommen, mitten ins Herz getroffen. Er weckt in mir die Zuversicht auf eine versöhnlichere Gesellschaft.
Ober sticht Unter, unter und über: Wer unter den Leuten lebt, kann sich nicht mehr leicht über Menschen erheben. Daraus spricht Lebenserfahrung ebenso wie Glaubensmut, denn letztlich ermutigt diese Maxime ja, die eingeübte Gesellschaftslogik einmal auf den Kopf zu stellen – ihr eine andere Freiheitsregel gegenüberzustellen und sie zu erproben. Das ist nicht weniger als das, was Jesus uns an seinem letzten Lebensabend zumutet: Er unten, seine Jünger oben. Er zu unseren Füßen, wir erhobenen Hauptes. Er zu Diensten, wir die hervorragend Bedienten. Wie schwer es fällt, die alten Logiken einmal zur Seite zu legen, das zeigt Petrus mit seinem so verständlichen Widerstand. Aber Jesus besteht darauf. Er sieht bereits kommen und vertraut darum fest, dass diese Umkehrung der Verhältnisse reinigend und heilsam auf die Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger wirken wird. Wer unter den Leuten lebt, kann sich nicht mehr leicht über Menschen erheben. Diese Haltung befreit. Diese Form gelebter Solidarität mit den Schwachstellen anderer und auch mit den eigenen öffnet neue Beziehungsräume und führt zusammen. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15), sagt Jesus – und damit erhebt der Herr die Haltung der Fußwaschung zur Lebensregel der neuen Gemeinschaft der Kirche.
Am Anfang des Kolosserbriefes ruft der Apostel Paulus emphatisch aus: „Christus ist unter euch, die Hoffnung auf Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Erst jetzt habe ich neu verstanden, dass wir dieses „unter uns“ wörtlich verstehen dürfen. Christus ist „unter uns“, das heißt gebeugt unter unseren Füßen, um uns zu tragen, zu erfrischen, zu stärken. Er ist unter-gegangen, um in die kommende Herrlichkeit über-zugehen. Er hat die Verhältnisse dieser Welt vom Kopf auf die Füße gestellt, um damit eine Kultur des Mitgefühls und der solidarischen Verantwortung zu inspirieren. Ja, diese neue Kultur steht wahrlich oft genug im Gegensatz zum gesunden Menschenverstand, der ganz anderes gewohnt ist – obwohl er ihre zerstörerischen Folgen nicht leugnen kann, weil er sie tagtäglich vor Augen hat. Unter den Leuten – da fängt die herrliche Zukunft in Christus an, in der sich niemand mehr ungerecht über andere erhebt. Christus unter uns – das ist wirklich „Hoffnung auf Herrlichkeit“.
Lesungen: Ex 12; 1 Kor 11
Evangelium: Joh 13,1–15
Hinweis:
Die Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing in der Eucharistiefeier zum Gründonnerstag ist untenstehend auch als PDF-Datei verfügbar.
